Samstag, 28. Januar 2012

Schadenfreude und Hoffnung: "Tucker and Dale vs. Evil"

Die beiden harmlosen Hinterwäldler Tucker und Dale müssen sich einer Horde von urlaubenden College-Kids erwehren, die die beiden für Psychokiller halten und sich dabei vor lauter Hysterie selbst dezimieren. 
Es ist nicht ganz damit getan, Tucker and Dale vs. Evil einfach nur als inspirierend komische und kenntnisreich authentische Umkehrung des Backwood-Slasher-Motivs zu bewerten. Der große Erfolg und die bergeweise guten Kritiken haben viel eher damit zu tun, dass es sich um einen lupenreinen Nerd-Film handelt, mit dem sich die Eigentümlichen in aller Welt liebend gern identifizieren. 
Dale und Tucker sehen zwar aus wie die klassischen Hillbillys, sind von ihrem Wesen aber eher typische Nerds. Mäßiges Aussehen, mangelndes Selbstbewusstsein, rasende Schüchternheit, Ahnungslosigkeit in Stilfragen und hygienisches Laisser-faire haben aus den beiden sozial Irritierte gemacht. Zurückgezogen in ihrem eigenen Universum, operieren sie als Dick und Doof in umgekehrten Rollen. Aber Obacht! Der dicke Dale ist in Wirklichkeit ein Genie, eine Art Savant, und die Hoffnung auf ein Mädchen hat er auch noch nicht ganz aufgegeben. 
Die Gegenseite, die College-Kids, stehen natürlich für das angepasste Mittelklasse-System, hübsche junge Leute im SUV, denen der soziale Aufstieg bereits auf die Stirn gemeißelt wurde. Mit anderen Worten: Sie sind diejenigen, die die Nerds im College mobben. Und das Böse zeigt sich nicht etwa am Rand der Gesellschaft, wo die wilden Waldmenschen hausen und die Systemrelevanten metzeln, sondern mittendrin im System: Der Anführer der jungen Leute hat gewaltig einen an der Klatsche. Liegt in der Familie. Die selbstverständlichen sozialen Vorurteile, brüllend komische Missverständnisse und die Konditionierung durch Horrorfilme verfestigen sich zu einem hysterischen Popanz. Die Nerds tun derweil nichts anderes als Nerds zu sein, aber ihre bloße Existenz reicht schon aus, um die Jagd auf sie zu eröffnen. Das geht nach hinten los, und das Nerd-Publikum darf sich ausgelassen der Schadenfreude hingeben, wenn die College-Sackgesichter sich versehentlich aufspießen, erschießen oder in den Häcksler springen. 
Wirklich schön an Tucker and Dale vs. Evil ist, dass der Film nicht zynisch wird und sich eher als Märchen artikuliert. Dass Dale und das sympathische College-Mädchen sich kriegen könnten, deutet sich schon früh an („Ich bin auf einer Farm aufgewachsen“), aber es bleibt Skepsis beim Zuschauer, ob der Film zulassen kann, dass der nerdige Dicke und die strahlendschöne sozial Integrierte zusammenkommen. Aber die Utopie wird tatsächlich wahr, und das Nerd-Publikum tankt hier nicht nur Schadenfreude, sondern auch Hoffnung für sich selbst.

Jus primae noctis: "Die Normannen kommen" (The War Lord)

11. Jahrhundert. Der normannische Ritter Chrysagon de la Crou erhält ein Lehen an der Küste und soll die Gegend vor Einfällen der Friesen schützen, die auch den bisherigen Lehensträger ermordet haben. Kaum sind er und seine Leute im Wehrturm eingezogen, verliebt sich der einsame Ritter in ein Bauernmädchen, nimmt nach dessen Hochzeit das Recht der ersten Nacht in Anspruch und lässt die Braut danach nicht mehr gehen. Dies führt zu einer Revolte der heidnischen Dörfler, die sich mit den Friesen verbünden. Chrysagons Wehrturm wird belagert.
Diese Produktion von 1965 ist wahrscheinlich der erste Hollywood-Ritterfilm, der das Sujet ernst nimmt und nicht bloß auf Präraffaelismus und schreiendes Technicolor setzt. Okay, El Cid ging auch schon in die Richtung. Kulisse und Ausstattung, Lebensumstände, soziale Verhältnisse und Kampfszenen wirken authentisch. Bei der Belagerung kommen einige Dinge zum Einsatz, die wohl eher dem Drang nach Spektakel geschuldet sind als der tatsächlichen historischen Überlieferung, aber sei’s drum. Und natürlich kann Hollywood 1965 von Romantisierung nicht gänzlich lassen, aber die meisten der wunderschönen Tableaus, die förmlich „Mach Standbild, Mensch, und schau mich in Ruhe an!“ schreien, wirken durchweg robuster, düsterer und moderner als die Arrangements früherer Prachtschinken. 
Die Normannen kommen lässt sein stimmiges mittelalterliches Kontinuum eine ganze Reihe von Themen verhandeln. Christianisierung, Lehnsherrschaft, jus primae noctis, das Geiselthema, die Zwänge, unter denen verarmte Ritter stehen, Machtausübung und Willkür, Sozialstruktur, militärische Gewalt. Chrysagon ist im Grunde ein rechtschaffener Mann, so rechtschaffen, dass sein leichtlebiger Bruder ihn insgeheim verachtet und schließlich einen offenen Bruderzwist heraufbeschwört. Daran ist Chrysagon jedoch selbst schuld, denn er lässt sich von einer ziemlich spontanen Liebe, die vielleicht doch eher Lust ist, sowie von seiner Machtstellung verführen, sowohl das Recht seiner eigenen Welt (das jus primae noctis ist in seiner Kultur verpönt) wie auch das seiner Leibeigenen (die Regeln der Ersten Nacht müssen streng eingehalten werden) zu brechen. Es ist eine tragische Situation, dass der Rechtschaffene durch seine Emotionen zum Regelbruch getrieben wird und sich zu jeder Zeit der Folgen bewusst ist: Tod, Verheerung und Ächtung. Das regelhafte Kontinuum wird mächtig durchgeschüttelt, ob es rekonstruiert werden kann, lässt der Film offen.
Bemerkenswert ist die Abstammung des Drehbuchs von einem Theaterstück, was dem Film einen eigenartigen Rhythmus verpasst und ihn vor allem in der Mitte massiv dialogisch und kammerspielartig werden lässt. Da sind plötzlich Schauspieler gefragt, und es wundert wenig, dass Charlton Heston The War Lord zu seinen Lieblingsfilmen zählte. Hier darf er mal ein bisschen was zeigen. Im letzten Drittel gerät die konfliktauslösende Frauenfigur Bronwyn vollkommen aus dem Blick, denn nun geht’s um Action und sind die Männer gefragt. Ein wunderbares, handgemachtes Schlachtenspektakel spielt sich ab, in dem die Friesen fallen wie die Fliegen, aber dennoch immer weiter gegen den Wehrturm anrennen. Die Art und Weise, wie die Feinde sich am Ende versöhnen, kommt ein bisschen arg ehrenhaft daher, wird aber durch die soziale Ächtung der Hauptfiguren und den tragisch offenen Schluss mehr als kompensiert. 
Zu Anfang der DVD denkt man noch: „Herrje, dieses Remastering ging aber mächtig in die Hose!“ Nach kurzer Zeit aber verschwindet dieser mysteriöse körnige Grauschleier über den Bildern und Die Normannen kommen wird zum visuellen Prachtstück.

Sonntag, 22. Januar 2012

Och, nur `ne Fleischwunde: "Conan"

Conan der Cimmerier rächt seinen hingemetzelten Stamm am bösen Warlord und rettet nebenbei die „Reinblütige“ vor dem rituellen Ausbluten. 
Die Neuverfilmung von Film-Metzger Marcus Nispel orientiert sich stärker an Robert E. Howards Originalfigur, als John Milius’ Version von 1981 das tut. Die Folge ist, dass Conan sich zu einer Abfolge von Fantasy-Standardsituationen für Pubertäre und solche, die es geblieben sind, verfestigt. Dabei zeigt der Film sich so unflexibel, dass man ihn im Grunde auch in Stein hätte meißeln können. Die bemüht wirkende, scheiße geschnittene Kinetik der andauernden Gemetzel und das ständige Zähneblecken und präpotente Herumbrüllen der Muskeltypen ändert daran nichts: Conan ist so elegant wie eine Presswurst. Vielleicht hätte ein cimmerischer Kinderpsychologe noch was retten können, wenn er den jungen Conan früh genug untersucht hätte. Der legt nämlich bereits als Kind ein Verhalten an den Tag, dass dagegen die abendliche Messerstecherei im Kölner Problemviertel der reinste Cluburlaub ist. Na ja, der Bursche wurde ja auch seiner sterbenden Mutter auf dem Schlachtfeld aus dem Leib geschnitten: „Ich möchte, dass er Conan heißt. Röchel.“ 
John Milius’ Version hatte einen überzeugend spätpubertären Helden, einen tumben Naivling, der oft wirkte wie ein Autist mit Wumme, respektive Schwert. Während andere Jungs schon mal prophylaktisch an ihren Pimmeln spielten, schärfte Conan grunzend seine Klinge und philosophierte stammelnd über die Schönheit des Stahls. Sein erster Liebesakt scheiterte. Die furiose Feuerhexe war das Symbol für vorzeitige Ejakulation. Kein Wunder, dass sie übellaunig zum Horizont abzischte. Conan würde später noch mal richtig, aber tragisch lieben. Seine Gefährtin starb den Heldentod, denn im Reich der Klinge war der Mann Einzelgänger und hatte es zu bleiben. Ein Mann, sein dubioser Rächergott und der Stahl. Nix sonst.
Besonders erheiternd geriet auch Milius’ Auskeilen gegen die Hippies und Blumenkinder, auf die er selbst 1981 noch richtig stinkig war. Wegen Vietnam und so. Conan bläute es ihnen mit der Faust ein und deprogrammierte die verführten Blumenkids, indem er vor aller Augen ihrem falschen Götzen den Kopf runterhaute. 
Von all diesen subtextuellen Nettigkeiten hat Nispels Conan gar nichts. Verschnaufpausen dauern bestenfalls zwei Minuten, ehe das nächste Blutgespritze losgeht und Kinetik, nichts als Kinetik herrscht. Die Handlung hat weder Höhen noch Tiefen, sie ist ein trübsinniger, ermüdender Flow aus Standards: Herr der Schatten, Engel des Todes, der Verbotene Wald, Stadt der Diebe, Höhle der Schädel, Oktopusmonster, Kapuzentypen, eine Bene-Gesserit-Hexe mit Freddy-Krueger-Händen als Schwarzmagierin, ein über Land gezogenes Schiff (warum?), einstürzende Höhlen, ein zusammengepanschter Kulturenmischmasch, reduziert aufs möglichst grimmige Design. CGI-Kulissen, die Generationen von Fantasy-Illustratoren plündern, dauergebleckte Zähne, ziemliche viele Fleischwunden und Kunstblut, orgasmisches Gebrüll der bluttriefenden Sieger. Wie fade. Das letzte Viertel des Films kopiert unumwunden Indiana Jones und der Tempel des Todes, weil niemandem mehr irgendwas einfiel. Und es endet so, wie man es glattweg hätte vermuten können: Alles stürzt ein. 
Ein Film für das kleine, gedemütigte Kind im Manne.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Meditation in Menschlichkeit: "The Way Back"

1940 fliehen acht Häftlinge unterschiedlicher Herkunft aus einem sibirischen Gulag und treten den Fußmarsch nach Süden an, in die vermeintlich rettende Mongolei. Einer stirbt recht früh im Schnee, dafür gabelt die Gruppe ein ebenfalls flüchtiges Mädchen auf. Den beschwerlichen, Tausende von Kilometer langen Weg durch alle nur verfügbaren Naturlandschaften des Planeten werden nicht alle überstehen … 
Wenn man den Film schaut, ohne zu wissen, wer hier Regie führt, müsste man unweigerlich auf Peter Weir tippen. Eine spirituelle Reise im Gewand eines ruhigen Abenteuerfilms, ein meditativer Flow mit allerdings ruckeligem Rhythmus, bei dem Sequenzen, in denen sich Action angeboten hätte, kackfrech übersprungen werden, um wunderschöne mystische Passagen zu platzieren und Etappen des entbehrungsreichen Wanderns und quälenden Stolperns ins schier Endlose zu dehnen. Genauso endlos wie die Landschaft drumherum, die Taiga, Tundra, Bergwelt, Ebene, Wüste, Eiswelt, fruchtbares Ackerland ist. Die Welt zeigt ihre unendlich vielen Gesichter, National Geographic hat den Film mitproduziert. 
Es ist eine Reise, die der Realität abgeschaut, aber ebenso symbolisch zu werten ist. Eine Überhöhung von fast mythischen Dimensionen. Vorangetragen wird sie von unbändigem Lebenswillen, von der Suche nach Vergebung und Erlösung. Die Figuren sind scharf konturiert und dennoch Funktionsträger, verteilt aufs menschliche Spektrum. Als Mittlerin zwischen ihnen dient eine ganze Zeitlang das Mädchen Irena, das ihre im Innern verborgenen Geschichten einsammelt und weiterträgt, ehe es einen engelsgleichen Tod in der Wüste stirbt. Mystische Momente erheben die Figuren über das Profane, deuten voraus, spenden Trost, treiben weiter an. Vor allem der Pole Janusz, Anführer der Gruppe, hat zu Hause noch etwas zu erledigen. Die Auflösung am Ende wird rührend sein, aber völlig wortlos und unkitschig. Weir negiert die unter Drehbuchautoren beliebte Vorstellung vom Menschen, der des Menschen Wolf ist, und bringt nur ganz wenige einschlägige Szenen. Seine Analyse ist im Kern eine andere: Angesichts des schieren Ausgeliefertseins rücken die Menschen zusammen zur Schicksalsgemeinschaft, die nicht nur Solidarität pflegt, sondern eine beinahe zärtliche Qualität entwickelt. 
Ein Regisseur, mit dessen Grenzgänger-Filmen ich aufgewachsen bin. Schön, dass er wieder da ist.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Der freundliche Bestatter: "After.Life"

Lehrerin Anna ist nicht so ganz zufrieden mit ihrem Leben und führt sich ihrem Freund gegenüber ziemlich reizbar auf. Nach einem Streit hat sie einen Autounfall und findet sich wieder in den „technischen“ Räumlichkeiten des Bestatters Eliot Deacon, der ihr versichert, sie sei tot. Der Bestatter behauptet, eine Gabe zu besitzen, die es ihm ermöglicht, mit den Toten zu kommunizieren. Anna glaubt ihm nicht, weil sie sich lebendig fühlt, kann aber in der Dreitagesfrist bis zur Beerdigung aus dem verwinkelten Gebäude nicht entkommen. Unter Deacons Einfluss fügt sie sich mehr und mehr in ihr Schicksal und akzeptiert ihr Ableben, während ihr Freund nicht an ihren Tod glaubt und sich an Deacon heranmacht … 
Ein Filmchen, das uns etwas zu selbstverliebt dazu auffordert, es zu interpretieren und seine ach so klug gesetzten Zeichen zu lesen. In den Specials sagt die Regisseurin und Autorin, sie wolle das Publikum zum Nachdenken bringen über Leben und Tod. Eine ebenso große wie unverbindliche Ambition also. Sie schafft es immerhin, die Frage nach dem Sinn und Zweck ihres Films aufzuwerfen. 
Dabei nehmen die ruhige Atmosphäre und die beachtliche Kameraführung einen durchaus für sich ein. Konterkariert wird das jedoch durch überflüssige, geschmäcklerische Horror-Einschübe, die offenbar den schläfrigeren Part des Publikums bei der Stange halten sollen. Das meiste davon ist pures Klischee und straft die hehren Ambitionen Hohn. Über weite Teile bezieht After.Life seine Spannung aus der Frage, wer hier einen an der Klatsche hat. Die neurotische, bestenfalls skizzenhaft umrissene Anna, die sogar als Leichnam noch therapiebedürftig ist? Oder doch der völlig rätselhafte Bestatter, dem es nicht ausreicht, die echten Toten zu behandeln, und der sich auch die Lebenden holt, um Spielchen mit ihnen zu treiben? Der Zuschauer ist sich nicht sicher, und es ist dem Film zweifellos zugute zu halten, dass er sich einer allzu klaren Auflösung entzieht und den Zustand der Unschlüssigkeit nachhallen lässt. Dennoch erzeugt er mehr Verwirrung, als dass er erzählerische Abrundung anstrebt. Am Ende hängt man in der Luft und empfindet das nicht etwa als beeindruckendes Filmerlebnis, sondern das Defizienzerfahrung. Die Zeichen sagen einem, dass der Bestatter – trotz seiner melancholischen Bestatter-Weisheit – bekloppt ist, aber die Art und Weise, in der die Dinge sich zutragen, unterläuft diese Logik. 
Die Welt drumherum ist nämlich auch nicht gerade dazu geeignet, als festumrissene Realität durchzugehen. Diffus und angedeutet. Ein Kontinuum aus behaupteten Strukturen, die weder die Figur Anna noch die Figur Deacon irgendwie stützen. Der ganze Film driftet und schlackert unangenehm. 
Liam Neeson macht das Beste aus seiner unterfordernden Rolle, Christina Ricci sieht die ganze Zeit über aus, als sei sie aus einem Puppenfilm von Tim Burton ausgebüchst. Aber im Grunde sieht sie ja immer so aus. 
Kann man mal wegschlabbern, bleibt aber fade im Abgang.

Freitag, 23. Dezember 2011

Und täglich grüßt der Bombenleger: "Source Code"

Soldat Colter Stevens befand sich eben noch in einem Hubschrauber über Afghanistan, aber plötzlich sitzt er in einem Vorortzug nahe Chicago, ihm gegenüber eine unbekannte junge Frau, die ihn jedoch sehr wohl kennt. Der Beginn einer sich stetig wiederholenden, „Murmeltier“-artigen Zeitschleife von acht Minuten. Colter wurde mittels hipper Quantenphysik hierher verfrachtet, denn er soll Informationen über einen Attentäter sammeln, der den Zug in acht Minuten sprengen wird und bald darauf in Chicago einen viel größeren Nuklearanschlag plant. Colter liegt in Wirklichkeit als kriegsversehrter Rumpf in einem Labor, wo man sein Gehirn mit den letzten Erinnerungen (acht Minuten) eines Fahrgasts verschaltet hat. 
Der zweite Film von Duncan Jones ist ein bisschen höher budgetiert als sein minimalistischer Moon, aber beileibe kein Großfilm. Übersichtliches Personal, beschränkte Schauplätze, die immer neue Einstellungsvarianten verlangen. Vermutlich wurde der Regisseur genau deswegen engagiert.
Das Problem bei diesen arithmetischen Thrillern ist, dass sie ihre arithmetische Brillanz so gerne vorführen und darüber schnell mal das Personal vergessen, um es zu bloßen Ideen-Stichwortgebern herabzuwirtschaften. Jones und sein Drehbuchautor versuchen zumindest, da eine Balance herzustellen, indem sie drei menschlich-sympathische Figuren auf unterschiedliche Weise zueinander finden lassen. Und die Großäugigkeit Colters, als am Ende seine Existenz einen völlig neuen Drall bekommt und seinem VR-Dasein in der dunklen Laborkiste ein sonniger Chicagoer Morgen gegenübergestellt wird, ist glaubwürdiger Sense of Wonder. Das Universum meint es gut mit ihm und uns. Es erinnert sogar ein wenig an Moon
Dennoch steht in Source Code natürlich die Idee im Vordergrund, wie sich das für Ideen-Literatur gehört. Begreifen kann man es schon, aber manche Details der schmucken Quanten-Theorie bleiben im Dunkel, vermutlich absichtlich. Wo genau z.B. die acht Minuten Erinnerungen des toten Fahrgasts herkommen, erweist sich als herzlich rätselhaft. Der Täter ist flott ermittelt, der Zuschauer registriert ihn schnell. Aber der Zuschauer sitzt eben auch in der bequemen Distanz und betrachtet von dort die Versuchsanordnung, wohingegen der verwirrte Held mittendrin steckt. Man sollte ihm also nicht zum Vorwurf machen, dass er nicht schneller schaltet. 
Viel entscheidender ist, dass das Ende von Soldat Colters Zeitschleifenabenteuer so absehbar ist. Er bringt es während der „Gespräche“ mit der betreuenden Offizierin selbst auf die Tagesordnung. Eigentlich ist Colter nur im Zug, um Informationen über den Täter zu sammeln, damit dessen zweiter Anschlag verhindert werden kann. Das Ereignis ist bereits geschehen und irreversibel. Könnte es aber nicht doch sein, dass Colter, wenn er das Ereignis verhindert, eine parallele Realität erschafft, in der das alles nicht stattfand und er im Körper des Fahrgasts weiterlebt? Tja, genauso kommt es, denn die von Anfang an offensichtliche sentimentale Zuwendung an den Sympathieträger verlangt, dass er sich nicht so schnöde im Quantennichts verflüchtigen darf. Das begreift der Zuschauer auch sehr schnell, weswegen der Film im weiteren Verlauf so spannend ist wie das Abhaken einer Einkaufsliste. 
Aber schön ist’s doch.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Märtyrerin der Wissenschaft: "Agora"

391 n. Chr. Die Philosophin (= Naturwissenschaftlerin) Hypatia lehrt als einzige Frau in der Bibliothek von Alexandria, lebt ausschließlich für die Wissenschaft und ist wenig beeindruckt von den politischen und religiösen Wirren der Zeit. Es sind vor allem radikale Christen unter ihrem Bischof Kyrill, die das traditionelle Völkergemisch und seine weltanschauliche Offenheit zu dominieren beginnen. Nach einem blutigen Zusammenstoß mit Anhängern des Gottes Serapis besetzen die Christen sogar die Bibliothek. Das Klima wird immer strenger, die „Heiden“ werden massenhaft zum Konvertieren gezwungen, Juden getötet oder vertrieben, und selbst die weltliche Macht (der römische Präfekt) muss sich den Anforderungen Kyrills und seiner Schlagetots beugen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Radikalen die gottlose Hypatia zur Hexe ausrufen … 
„Agora“ bezeichnet den antiken Marktplatz der Meinungen, den hier eine radikale Gruppe an sich reißt, um alle anderen zu dominieren. Ganz zu Anfang, wenn die Kamera durch das rekonstruierte Alexandria fährt, ist die Vielfalt der Welt noch evident, ehe dann die dunkel gekleideten Christen und ihre vierschrötigen Kampfmönche zum Großreinemachen schreiten. 
Der Film verfügt über zwei offenkundige Stärken. Zum einen ist es die beiläufige Art, mit der sich die Epoche in Kulissen, Kostümen und Requisiten mitteilt. Zum anderen werden des Öfteren zwei visuelle Ideen benutzt, die auf philosophische Weise miteinander kommunizieren. Es ist der Blick hinauf in den majestätischen, aber teilnahmslosen Sternenhimmel – Hypatias Welt sozusagen, zum Haareraufen rätselhaft und alle mathematischen Theorien ad absurdum führend, aber dennoch (oder gerade deswegen) poetisch und schön. Und es ist der distanzierte Blick vom Sternenzelt herab aufs Menschendasein, eine Perspektive, die im Orbit beginnt und sich dann google-earth-artig in eine Vogelperspektive herabarbeitet, bei der die wuselnden Menschlein zu Ameisen werden. Einmal wird die Ameisen-Metapher sogar ganz konkret. 
Diese visuellen Reize halten einen zwei Stunden bei der Stange, denn der Rest ist mehr so mittel. Agora ist ein Zeitgeist-Film, der alarmistisch auf die vielbeschworene ‚Rückkehr der Religionen’ reagiert. Es ist Alejandro Amenabars aufwendigster, aber auch langweiligster Film. Das Drehbuch verfasste er zusammen mit Landsmann Mateo Gil, und die Sache kommt einem beinahe vor wie eine zähe innerspanische Abrechnung. Eine auf engem Raum komprimierte, zu alten hymnischen Hollywood-Bibel-Schinken gegenläufige Geschichte der Christianisierung des Orients, die mit brutalen Mitteln durchgesetzt wird. Gut und Böse sind klar verteilt, wenn auch die Parteien in sich ambivalent sind und somit allerhand verschiedene politische wie psychologische Ansätze aufweisen. Die Christen werden hauptsächlich als Taliban charakterisiert (die Kampfmönche tragen sogar Turbane und sind bärtig), einige scheinen zuvor eher irre Randexistenzen gewesen zu sein, während eine der Hauptfiguren sich aus purer amouröser Kränkung zu ihnen gesellt. Die christlichen Anführer agieren aus Fanatismus und Machtinstinkt heraus – auch, um es denen, die sie vordem verfolgt haben, nun heimzuzahlen. Die bekannten Brüche in der frühchristlichen Geschichte deuten sich bereits an. Kyrill ist keinesfalls unumstritten unter seinen eher ‚liberalen’ Glaubensbrüdern. Das Problem, das sich ergibt, ist der Eindruck des pars pro toto. Die hier vorgetragene Geschichte mag sich in diesem Mikrokosmos im Prinzip so zugetragen haben, jedoch konnte dies im Rest des Römischen Reiches nicht geduldet werden, denn diese Art der Christianisierung hätte unaufhörliche Aufstände bedeutet. 
Etwas arg platt gerät die Gegenüberstellung von aggressiver Religion und sanftmütiger Naturwissenschaft. Hypatia vermag dabei nicht wirklich zu fesseln, obwohl Rachel Weisz alles gibt. Sie ist ein unpolitischer Nerd, sozial, emotional und erotisch ziemlich unterentwickelt. Der Film formuliert sie als jungfräuliche Quasi-Heilige aus und macht sie zur Märtyrerin der Wissenschaft und der Selbstkritik. Einem öffentlich vorgebrachten Liebeswerben begegnet sie bspw. mit einer ebenso öffentlichen Ablehnung, indem sie dem Galan ein Tuch mit ihrem Menstruationsblut überreicht und verkündet, sie sei ja gar nicht so perfekt und harmonisch, wie der Werber es behauptet hat. Ansonsten interessiert sie sich ausschließlich für Kurven und Modelle und hält unablässig physikalische Vorträge. Jener Werber, der spätere Präfekt und damit Vertreter der neutralen weltlichen Macht, wird dennoch zeitlebens ihr bester Freund bleiben. Wohingegen ihr ehemaliger Sklave, der sie heiß und innig liebte, zu den Taliban flüchtet. Er ist es auch, der sie am Ende aus Mitleid tötet, ehe seine Kumpels an sie herankommen. Das Ableben Hypatias erfolgt mit einer Geschwindigkeit und Beiläufigkeit, die dem zuvor so zähflüssigen Film nicht angemessen ist. Nach zwei Stunden ist der Endverbraucher dann durchaus froh, dass es geschafft ist. 
Agora ist ein Thesenfilm, der seine Botschaften visuell ausgezeichnet rüberbringt. Aber immer dann, wenn er das alles in Worte und Taten und Dramaturgie fassen will, bleibt er ziemlich mau zwischen althergebrachtem Melodram, Küchenpsychologie und reiner Geschichtsinterpretation hängen.

Freitag, 9. Dezember 2011

Alm-Öhi und die Sexsklavin: "Sennentuntschi"

1975 taucht in einem Schweizer Bergdorf eine abgerissene, stumme junge Frau auf, die wie ein Wolfskind wirkt und die die Dorfbewohner unter Anleitung des Pfarrers als „Dämonin“ behandeln. Nur der wackere Dorfpolizist lässt sich vom Aberglauben nicht beeindrucken und erforscht die Herkunft der Fremden. In einem zweiten Strang wird geschildert, wie oben auf der Alm drei Bergbauern mehr so aus Spaß ein „Sennentuntschi“ herstellen – eine Strohpuppe in Frauengestalt, die durch einen Zauber real werden und den Sennern als Haushaltshilfe, aber auch als Sexmäuschen zu willen sein soll. Allerdings wird das Sennentuntschi sich laut Sage an seinen Schöpfern rächen, indem es ihnen die Haut abzieht und sie zu Puppen macht. 
Eine österreichisch-schweizerische Co-Produktion, die wegen finanzieller Probleme lange Zeit auf der Kippe stand. Das Ergebnis ist manchmal zu effekthascherisch und kokettiert mit zu viel bollerndem Musikeinsatz (buh!), wurde leicht überladen mit Inhalten, gerät uneben in der Erzählweise. Und dennoch muss man den Balanceakt des Films bewundern, mit dem er knorrige alpine Sagenwelt und internationale Marktgängigkeit verknüpfen möchte. Er zeigt den Amis unmissverständlich, dass die Backwater-Geschichten des alten Europa immer noch um einiges bizarrer sind. Sennentuntschi weist zudem eine strenge phantastische Struktur auf (rationale Erklärung versus übersinnliches Geschehen), verschachtelt seine Stränge überraschend und irritierend intelligent, operiert mit großartigen Darstellern, symbolischen Bildern, genialen rauschhaften Sequenzen und unerwartet heftigen Unverblümtheiten. Roxane Mesquida als animalisches Frauwesen und Andrea Zogg als prollige Albtraum-Version des Alm-Öhi haben aufregend abstoßende Szenen zusammen, in denen sie auf Tuchfühlung gehen. Es sind vor allem die brutalen Passagen auf der Alm und die damit einhergehende Dynamik, die einem mitunter die Schuhe ausziehen, wohingegen die Passagen im Dorf und unter den abergläubischen Dörflern etwas altbacken daherkommen, indem sie uns wohlbekannte Lynchmob-Strukturen und die obligatorischen Leichen im Keller auftischen. 
Dieses kleine Filmjuwel ist allemal einen Blick wert. Vor allem auch deshalb, weil unsere Brüder und Schwestern aus der alpinen Provinz den deutschen Großkotzen mal zeigen, wie man international wettbewerbsfähigen Horror mit Regionalbezug macht.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Grimms Geheimdienstmärchen: "Wer ist Hanna?" (Hanna)

In der finnischen Eiswüste und ohne Kontakt zur Außenwelt aufgezogen, wird der genetisch zur Supersoldatin manipulierte Teenager Hanna vom Superagentenvater benutzt, um einen Rachefeldzug gegen die Geheimdienstchefin (= Hexe) anzukurbeln. Die Wege kreuzen sich in Berlin, wo sonst? 
Während die Bourne-Filme die alten Agentengeschichten und den Supersoldaten-Plot noch ziemlich ernst nahmen und mit hohem ästhetischen Hipness-Faktor aufrüsteten, überführt Hanna das Motivgeflecht endgültig ins Reich der Märchen. Hänsel und Gretel treffen Rotkäppchen treffen Kaspar Hauser und noch allerhand weitere Motive aus den „Hausmärchen“. Das gute alte Agentengenre wird zur hochartifiziellen Farce. Nur Humor hat die Sache keinen, es sei denn, man betrachtet sie von vornherein als völlig gaga. Und das fällt nicht wirklich schwer. Die Märchensymbolik ist penetrant bis zum Gehtnichtmehr, verfügt aber über einigen Unterhaltungswert, wenn sie den Zuschauer anspornt, das nächste Märchenmotiv zu identifizieren. Während die meisten Thriller eine arithmetische Logik aufweisen müssen, kann Hannas Märchenwelt darauf getrost verzichten und Zufälle aneinander reihen, bis das Was überhaupt keine Rolle mehr spielt, sondern nur noch das Wie. Der Film scheint irgendwann nur noch eine Aneinanderreihung von Bildkompositionen zu sein. 
Regisseur Joe Wright ist schwer verknallt in die herbe, talentierte Saoirse Ronan, die er in ihrer ganzen darstellerischen Pracht ablichtet. Er versäumt es aber, dem rennenden, kickboxenden Girlie in den Action-Passagen eine physische Glaubwürdigkeit zu verleihen. Hanna ist ein dünnes Mädchen, das zu kloppen und zu töten behauptet, das aber in keinem Moment wirklich kloppt und tötet. Cate Blanchett hat als böse Geheimdiensthexe ziemlich genau den Modus eingeschaltet, in dem sie auch im letzten Indiana Jones-Film lief.
Hanna ist nicht partout schlecht, geht aber größtenteils spurlos an einem vorüber. Eine Babelsberg-Kopfgeburt, inkohärent, forciert und zu verliebt in seine absurde Genre-Vermengung bei gleichzeitiger Antipathie gegenüber Agentenfilmen, die als Märchenpark diskreditiert werden. Das funktioniert einfach nicht richtig.
Pluspunkte gibt es für den monströsen Soundtrack der Chemical Brothers und Tom Hollanders Darbietung als bizarrer Killer mit Hang zu Trainingsanzügen und Tennisbekleidung. 
Mir sind die hysterischen Post-Agentenfilme der späten 70er und frühen 80er lieber, die ein ausgelutschtes Genre über seine Grenzen hinaustrieben und den Klischee-Kehraus durchführten. Target oder Lawinen-Express sind sehr viel ehrlicher und kerniger als dieses absurde Gebilde namens Hanna.

Mittwoch, 30. November 2011

Haltet den Hügel: "World Invasion: Battle Los Angeles"

Aliens mit robuster Technologie und ziemlicher Feuerkraft überfallen die Erde, besetzen alle möglichen Großstädte und rotten die Menschen systematisch aus. Der Film schildert die Verteidigung von Los Angeles aus der Sicht eines Platoons von Marines, die ein paar Zivilisten herausholen sollen und sich am Ende mit der feindlichen Kommandozentrale konfrontiert sehen. Diese muss natürlich unbedingt eliminiert werden. 
Rein gar nichts Neues an der Invasionsfront, das aber mit viel Kabumm und aus ausschließlich militärischer Perspektive. Der Amerikaner liebt nun mal sein Militär und unterstellt ihm in seinen Filmen immer denselben, fünftausendmal gehabten Heroismus. Wer sich darüber beklagt, muss Liebesfilme mit historischen Kostümen gucken.
Eigentlich ist das eher ein Gefechtsfeldfilm als ein SF-Streifen. Die unruhige, realistische Handkamera, die oft jegliche Übersicht verloren gehen lässt, erinnert frappant an Private Ryan, Black Hawk Down oder Flags of Our Fathers. Insofern ist das alles ästhetisch bekannt. Im Gegensatz zu solchen Vorbildern erzählt der Film jedoch keine nennenswerte Geschichte; bestenfalls werden krakelig abgepauste Charakterskizzen aneinander geheftet, die irgendein ballergeiles Jüngelchen aus anderen Filmen zusammengeklaut hat. Das alles ist dünner als ein Stück Kleenex, in das jemand hineinmasturbiert hat und das er nun herumreicht. Bitte ausgiebig Händewaschen. Selbst ein kleiner Klopper wie der ähnlich geartete Skyline weist erheblich mehr Substanz auf als diese hauchdünne, irgendwie glitschige Verlegenheit. Aber was soll's? Der Film teilt uns schon über seinen Titel mit, was er sein will: Battle Los Angeles. Also her mit der Feuerkraft. Wer hat das schönste Ejakulat?  
Anfangs kann das durchaus punkten, denn es geht nüchtern und sachlich vor und erzeugt jene Art von Verwirrung, die man in einem solchen Szenario erwarten könnte. Je länger es geht, desto mehr verwandelt es sich jedoch in pure Wehrertüchtigung und bedient sich einer Moral wie ein Koreakriegsfilm aus den 50ern. „Haltet den Hügel, Marines!“. Der Feind ist jedenfalls ähnlich rätselhaft wie seinerzeit die Nordkoreaner und die Chinesen. Was die wirklich wollen, weiß man nicht. Jedenfalls ballern sie ziemlich heftig drauflos, also ballern unsere Jungs eben zurück. Und erzählen uns zwischendurch ein bisschen was von Tapferkeit und rufen unablässig „Haltet den Hügel!“. 
Nach pflichtgemäß erfolgter Katharsis sind die Augen des Zuschauers müde, und sein Kopf ist gähnend leer. Die Lendengegend sticht. Wenn meine Frau jetzt einen Liebesfilm mit historischen Kostümen einlegt, bin ich völlig wehrlos dagegen.