Der versoffene US-Hauptmann Nathan Algren soll 1876 in Japan die kaiserlichen Truppen aufrüsten, trainieren und in einen Kampf gegen aufständische Samurai führen, denen das mit der Modernisierung des Landes zu schnell geht. Algren gerät in Gefangenschaft und wechselt die Seiten, weil er bei den „Feinden“ etwas findet, was ihm und seiner Kultur längst abhanden gekommen ist.Ich liebe diesen Film. Ein Hollywood-Märchen, in dem Amerikaner einer „fremden“ Kultur gegenüberstehen, sich von Geschäftsinteressen leiten lassen und die Geschäftspartner ohne Verstand und ohne Skrupel gegen die inneren Feinde aufrüsten. Die waffentechnisch so Beglückten stehen für „Verschlagenheit der Moderne“, die Feinde für „Ehrwürdigkeit der Tradition“. Ganz so simpel gestrickt ist es jedoch nicht, denn der Film erkennt an, dass zum Wohl des Ganzen modernisiert werden muss, und unser Systemwechsler, Army-Captain Nathan Algren, kriegt am Ende ein Samuraischwert überreicht, auf dem eingraviert steht: „Ich bin der Krieger, der das Alte mit dem Neuen vereint“. Und damit killt er in der finalen Schlacht ausgerechnet seinen amerikanischen Ex-Vorgesetzten, den Vertreter des ebenso zynischen wie ahnungslosen Gewinnmaximierungssystems. Kann es überhaupt symbolischer werden? Kann man die aktuellen Umtriebe der Amerikaner in der islamischen Welt überhaupt auffälliger kommentieren? Mich erinnert der politische Kontext von The Last Samurai irgendwie immer an John Milius’ Der Wind und der Löwe. Diese Filme kommunizieren über drei Jahrzehnte hinweg miteinander, umso mehr, als dass die Amerikaner in Samurai sehr viel negativer dargestellt werden, während sich der Abscheu von Drehbuch und Regie in Wind noch auf die konkurrierenden europäischen Kolonialmächte konzentrierte. Nun sind die Amerikaner selbst hässlich geworden. In emotionaler Hinsicht dürfte Samurai hingegen eher mit Der mit dem Wolf tanzt korrespondieren.
Es ist ein Märchen, fürwahr. Hemmungslos idealisiert. Natürlich richtete sich der historische Samurai-Aufstand der Jahre 1876/77 auch gegen die Etablierung bürgerliche Werte, die uns heute selbstverständlich sind. Natürlich waren die Samurai reaktionäre Knochen, natürlich war ihr Ständesystem starr und im späten 19. Jahrhundert eher unfreiwillig komisch. Natürlich nährte sich die notorische Brutalität der kaiserlichen Armee noch im Zweiten Weltkrieg aus erschreckenden Samurai-Codices von unbedingtem Gehorsam und „Tapferkeit“, verknüpft mit einem modern gedachten, ruchlosen Militarismus. Natürlich ist es unverschämt, allein den Amerikanern diese prominente Rolle bei der Modernisierung Japans zuzugestehen und durch die Konfrontation mit einem einzelnen Amerikaner den Tenno die „Ehre“ wiederentdecken zu lassen. Natürlich ist das Geschichtsklitterung, aber es geht in diesem Film nicht so sehr um die korrekte Aufarbeitung der Historie, sondern um aktuelle Fragen der Moral und des Kulturen-Crashs. Und es wirkt, es hat großen emotionalen Impetus und fordert mit aller Macht ein Abwägen, wozu eben auch gehört, sich über die Schattenseiten des eigenen politisch-ökonomischen Engagements zu informieren, bevor man blindwütig damit loslegt. Nathan Algren ist der typische amerikanische Einzelgänger, der Traumatisierte, der mit dem Anderen verschmilzt, geheilt wird und doch er selbst bleibt – weswegen man auf ihn und seine Geschichte hören sollte. Ein Film als moralischer Appell. Typisch für Regisseur Edward Zwick: mittels des heroischen, pathetischen Kriegs- und Actionepos ein bisschen an dem ein oder anderen Stachel zu wackeln, der den Amis im Fleisch sitzt.
