1872 kam Lawrence van Helsing zu Tode, als er in London Dracula auslöschte. Ein Diener rettete den Ring und die Asche des Vampirs und begrub sie nicht weit entfernt von van Helsing. Genau hundert Jahre später will Dracula sich an den van Helsings rächen und beauftragt einen Nachkommen eben jenes damaligen Dieners mit der eigenen Wiedererweckung. Und Johnny Alucard (man lese den Namen rückwärts, schuhu), ein geckenhafter Pop-Prinz im Hippie-Stadtteil Chelsea, zieht seine ahnungslose Clique junger, leichtlebiger Hippie-Poser heran, um ihm und Dracula zu willen zu sein. Zu den jungen Leuten gehört auch Jessica van Helsing, Urenkelin von Lawrence und primäres Opfer Draculas. Aber sowohl die Polizei wie auch Jessicas besorgter Großvater, Okkultismusexperte Lorimar van Helsing, setzen sich auf Alucards und damit Draculas Spur.
Deutscher Titel: Dracula jagt Mini-Mädchen.
Köstlich. Die Hammer Productions erweitern auf ausgesprochen durchsichtige Weise ihr Spektrum und machen plötzlich Gegenwartsfilme. Zu einem hitzigen, Lalo-Schifrin-artigen Großstadt-Soundtrack (Michael Vickers) mit kalkuliertem Hipness-Faktor schleicht der etwas hilflos wirkende Graf nun um die jungen Pop-Dinger herum. Die Serie ist in Swinging London gelandet, und man kann ihr dabei zusehen, wie sie sich selbst und ihre eigenen Anachronismen überdenkt. Das kann nur unterhaltsam in die Hose gehen.
Die „Mini-Mädchen“ aus dem deutschen Titel blieben den Dreharbeiten bedauerlicherweise fern, aber es gibt zu Beginn immerhin Hotpants und Bauchfrei zu bestaunen. Besonders die anfängliche Party ist grobschlächtige Bürgerschreck-Satire unter Rockmusik-Beschallung, mit der das junge Publikum gelockt werden soll. Im langjährigen Hammer-Fan stauen sich hingegen kurzzeitig die Säfte, weil er glaubt, Dracula sei nun endgültig zu Satire verkommen.
Dann ändert sich aber der Tonfall, und es wird ernst. Peter Cushing warnt seine Enkelin, dass man mit dem Okkulten nicht spielt. Die will aber nicht hören. Bah, altes Zeug, bestenfalls geeignet zur Zerstreuung einer hedonistischen Jugend auf der Suche nach dem nächsten Kick. Aber Obacht! Jessica ist noch nicht gänzlich verloren. Sie säuft nicht, kifft nicht, vögelt nicht, sondern knutscht bloß mit ihrem Freund in dessen bemaltem Citroen Dyane, einem Pseudo-2CV. Geschnäbelt wird in der Waschstraße, denn anderswo geht es offenbar nicht. Johnny Alucard möchte das ändern. Er ist der byronische Extremist und Schwarzromantiker in Rüschenhemd und mit Stutzer-Hut. Die Schwarze Messe, in der er Dracula erweckt, ist aufgrund Christopher Neames engagiertem Schauspiel, der psychedelischen Musikuntermalung und vor allem wegen Caroline Munros Dekolleté der absolute Bringer. Der Rest des Films besteht aus kriminalistischen Ermittlungen, gebleckten Fangzähnen über Rollkragenpullis, einer sklapstickhaften Vampir-Selbstvernichtung in der Badewanne und Stephanie Beachams Brüsten. Und natürlich dem obligatorischen Endkampf zwischen dämonischem Eros (Lee) und hagerer Askese (Cushing), der in der ebenso obligatorischen Pfählung und ekligen Desintegration des Vampirgrafen mittels althergebrachter Überblendungstricks endet. Stephanie Beacham bleibt Jungfrau in Unschuldsweiß, denn der Graf ist tot, Alucard ist tot, und ihr Freund ist auch tot.
Ein großartiges Zeitdokument, dessen Blutfaktor sich ziemlich in Grenzen hält, hatte Scars of Dracula doch kurz zuvor bewiesen, dass mehr Gemetzel nicht gleichbedeutend ist mit mehr Einnahmen.
