Donnerstag, 27. Oktober 2011

Liebesdrama, Selbstzerstörung: "The Gorgon"

Frühes 20. Jahrhundert in Pseudo-Deutschland. Im Städtchen Vandorf gibt es seit Jahren ungeklärte Morde, über die sich die Bewohner jedoch ausschweigen. Als ein weiteres Mädchen stirbt und ihr Liebhaber sich aufknüpft, reisen dessen akademischer Vater und später auch der Bruder an, um die Sache aufzuklären. Sie stoßen auf den Mythos der Gorgone Megaera, deren Geist sich in dieser Gegend offenbar immer wieder Frauenkörper sucht, um darin zu hausen. Und in Vollmondnächten schlägt sie dann zu und verwandelt ihre Opfer in Stein. Aber Nervenarzt und Vivisekteur Dr. Namaroff setzt alles daran, dass die Neuankömmlinge nicht dahinter kommen, in welcher Gestalt Megaera tagsüber herumläuft. 
Von 1964. Deutscher Titel: Die brennenden Augen von Schloss Bartimor. Ein Schloss Bartimor gibt es weit und breit nicht, nur ein Schloss Borski, in dem die Gorgone umgeht und sich versteckt. Es verwundert wenig, dass dieses Gemäuer gewisse Ähnlichkeiten mit Schloss Dracula aufweist. Immerhin befinden wir uns in einem Hammer-Film. 
The Gorgon ist ein gescheitertes Experiment. Die Hammer-Standards werden angewandt auf ein Ungeheuer, das nicht aus dem europäischen Volksaberglauben, der romantischen oder viktorianischen Literatur stammt, sondern aus der griechischen Mythologie. Es wirkt in dieser spätromantischen Städtchen-und-Schloss-Phantasie demzufolge reichlich deplaziert. Warum der düstere Geist des Wesens sich ausgerechnet hier aufhält, was ihn überhaupt motiviert, wird uns verschwiegen. 
Als sehr gelungen darf man hingegen die Anspielungen auf die griechische Tragödie bezeichnen. In seiner Struktur und seiner Figurenkonstellation ergibt der Film dann tatsächlich auch Sinn und spult ein langsames, aber mitleidloses Liebesdrama ab, in dem die Figuren nach einer Erfüllung streben, die nur in Selbstzerstörung enden kann. Am reizvollsten erscheint Vivisekteur Dr. Namaroff, Peter Cushing im unterdrückt manischen Frankenstein-Modus, dessen sachten Zudringlichkeiten seine Assistentin ständig ausweicht, weswegen er mal eben über die Gesichter der toten Mädchen auf seinem Pathologietisch streicheln muss. 
The Gorgon ist ein Produkt von Terence Fisher und somit per se elegant und als psychologische Schauererzählung angelegt, nicht als Comic. Aber das alles fällt eben auch ein bisschen lahm aus und zerredet. Das Ungeheuer ist hauptsächlich grün, die Effekte sind billig, wobei Fisher sie bis zum Schluss größtenteils raushält. Christopher Lee darf den Typwechsel zum guten, etwas zauseligen Prof. Meister nicht richtig auskosten, weil er erst spät ins Spiel kommt. Dafür können wir die beste aller Hammer-Darstellerinnen, Barbara Shelley, in ihrer zweitgrößten Rolle bewundern.