Samstag, 15. Oktober 2011

Popkultur: "Captain Kronos - Vampire Hunter"

Auf Bitte eines alten Kriegskameraden kommt Hauptmann Kronos zusammen mit seinem buckligen Begleiter Professor Grost angereist, um in der Gegend nach dem Rechten zu sehen. Ständig werden hier junge Frauen ihrer Lebenskraft beraubt und sterben als Greisinnen. Kronos und Grost sind Vampirjäger und kennen sich aus mit den verschiedenen Unterarten der Phantome. Diese hier saugen kein Blut, sondern Lebenskraft, und sie operieren im hellsten Tageslicht. Die Nachforschungen lenken die Aufmerksamkeit der Vampirkiller auf das Adelsgeschlecht der Durwards, dessen beiden Sprösslinge liebreizend jung sind … 
Captain Cronos ist das große Unikum im Oeuvre der Hammer Productions. Bei Dracula A.D. 1972 hatten die Verantwortlichen gesehen, dass ein kalkuliertes Anbiedern an die Schwingungen der Epoche nicht ausreichte, um den eigenen Output zu modernisieren und in ein neues Zeitalter hinüberzuretten. Es reichte nicht, die althergebrachte Struktur mit dem bewährten Team Cushing/Lee einfach mit ein paar Hippies zu verzieren und Schlösser, Klöster, Wälder und Wiesen durch das gegenwärtige London zu ersetzen. Zusammen mit Drehbuchautor/Regisseur Brian Clemens wurde ein Experiment erdacht, das die Standards weitgehend auflöste und eine hippe postmoderne Verwirbelung anstrebte. Ein Experiment, dem allerdings nicht alle Beteiligten gleichermaßen zugeneigt waren. Kronos, als Serie angedacht, scheiterte an den Kassen, und alle weiteren Pläne mit ihm wurden gestrichen. Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, ob eine Serie um den neuartigen Vampirkiller den endgültigen Untergang der Hammer Productions hätte verhindern können. 
Captain Kronos greift in die Vollen und gerät dabei fast ein bisschen überladen, ausschweifend und beliebig im Vermischen von Stilen und Symbolen. Der Film verrührt Superhelden-Skizze, Gothic, Hippietum, Italowestern, Eastern, Mantel-und-Degen, Proto-Splatter sowie alte Hammer-Standards zu einem entzückenden Gebräu und markiert den Punkt, an dem der Vampirfilm endgültig zu Popkultur wird. Und er weist natürlich weit voraus in die Epoche von Buffy oder Blade
Es gehört zum bizarren Odeur des Films, dass jemand wie Horst „Bastian“ Janson in die Titelrolle schlüpfte, aber er war damals eben, wie viele andere auch, ein junger gutaussehender Nebendarsteller mit Ambitionen und wurde überall in Europa vorstellig. Janson weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Clint Eastwood auf und gönnt sich während des Films eine Menge Zigarillos. Wie er sich gleich in der ersten Einstellung einen Stumpen zwischen die Zähne klemmt, ja, das ist Signal genug. Aber diese Zigarillos enthalten „ein chinesisches Kraut“, das den Helden des Abends am Feuer in einen Zustand der Entspannung versetzt. Kronos hat ebenfalls eine Neigung zu Meditation und Zen-Buddhismus (was allerdings eher aussieht wie Hyperventilation), und neben einem Säbel schwingt er auch ein Samuraischwert. Und natürlich trägt er die blonden Haare deutlich länger als Eastwood, verdächtig viel länger. Zu Anfang befreit er eine von Spießern an den Pranger gestellte Zigeunerin („Ich habe an einem Sonntag getanzt“) und geht mit ihr fortan der freien Liebe im Heu nach. Die Dame wird verkörpert von Caroline Munro, der mit imposantem Abstand allerschönsten Frau der Welt, die kurz zuvor in Dracula A.D. 1972 noch das wildeste der Hippiemädchen war. 
Captain Kronos trägt auf der Satteldecke ein Monogramm aus „C“ und „K“, das an ein Superhelden-Logo erinnert. Er schleppt – Batman lässt grüßen – ein kurz angerissenes Trauma mit sich herum, das in seinem Fall mit Vampiren zu tun hat. In wissenschaftlicher Hinsicht verlässt er sich auf seinen Gefährten, den buckligen Professor Grost, den er, ganz Humanist, gegen Mobbing verteidigt. Am Ende tritt er mit „dem Schwert Gottes“ an gegen den besten Fechter seiner Zeit, nun ein Untoter, und wird kurzzeitig zu Errol Flynn. Der Fechtkampf tänzelt und hechtet durch eine feudale Halle und um insgesamt vier mesmeristisch eingefrorene Nebenfiguren herum. 
Der visuelle Stil des Films ist eklektizistischer als jeder andere Hammer-Output, so sehr, wie das niedrige Budget es eben zulässt. Es sind Kameraperspektiven und schöne Kniffe drin, die es bei Hammer so nie gab. Alles ist weniger plüschig und studio-mäßig, sondern harsch und naturalistisch. Nebelschwaden gibt es gar keine. Die Friedhofsszenen sind von Sergio Corbucci und Django abgeschaut, der entzückende Saloon-Shootout mit den Banditen ebenso, nur dass es hier eine Schänke ist und Kronos die Dinge mit dem Katana regelt. Ganz wie im Django-Universum: endlos lange Vorbereitung, blitzartige Aktion, endlos langes Niedersinken der Gegner. Nachteil der Szene: Ein famoser, populärer Darsteller wie Ian Hendry tritt viel zu früh ab, aber auch das gehört zu den ironischen, augenzwinkernden Momenten des Films. 
Die Erzählstrategie ist ambitionierter, verzögerter, durchbricht ständig die Standardisierung und konfrontiert den Zuschauer auch schon mal mit Rätseln, die nicht im gleichen Atemzug aufgelöst werden. Es flirrt, ohne jedoch konkret psychedelisch zu werden. 
Die Vampire sind anders, bedrohlicher, rätselhafter als sonst und betonen sowohl das alte Motiv des Inzests wie auch das von der „Rache des Adels“ sehr deutlich. Eine Hammer-interne Referenz an das Geschlecht der Karnsteins (die ‚lesbische’ Carmilla-Trilogie) verknüpft den Film mit der eigenen Tradition. Und es gibt am Ende einen für Hammer-Verhältnisse ungewöhnlichen Twist. 
Captain Kronos ist ein ungemein verspielter kreativer Outburst, der etwas am kleinen Budget, dem Freilichtmuseum-Charme, an einigen vertanen Chancen und am manchmal drögen britischen Frühsiebziger-Tempo kränkelt, aber er reißt einen heute vielleicht noch mehr vom Hocker als damals.