Samstag, 29. Oktober 2011

Racheengel: "Taste the Blood of Dracula"

Nach außen hin und innerhalb der Familie sind die drei viktorianischen Gentleman gestrenge Stützen der Gesellschaft und der Moral, aber ihr „Wohlfahrtsengagement“ im East End erstreckt sich hauptsächlich auf wilde Puffbesuche. Als sie das langweilt, lassen sie sich mit dem verarmten, byronischen Lord Courtley ein und kaufen von einem windigen Händler für ein satanisches Ritual Draculas pulverisiertes Blut. Im letzten Moment kriegen sie die Flatter und erschlagen Courtley, aber das Ritual zur Wiederbelebung des Grafen ist bereits eingeleitet. Und der rächt nun den Tod seines Dieners zuerst an den properen Kindern der Gentlemen, um diese dann auf die Väter selbst zu hetzen.
Von 1969. Deutscher Titel: Wie schmeckt das Blut von Dracula? bzw. Das Blut von Dracula
Die Fortsetzung von Dracula Has Risen From the Grave beginnt genau dort, bei Draculas Pfählung durch das goldene Kruzifix. Ein englischer Händler (der genialische Roy Kinnear, der kleine Dicke aus den Richard-Lester-Filmen) wird Zeuge dessen, sammelt das pulverisierte Blut auf und bringt es in seine Heimat. Und da dürfen die hedonistischen, moralisch ziemlich verkommenen Herren es dann käuflich erwerben und nutzen. 
Taste the Blood of Dracula ist nach heutigen Maßstäben der vielleicht modernste Dracula-Film. Selten zuvor wurde der Herr Graf so deutlich als Racheengel eingesetzt, als phantastische, horrible Methode, innerfamiliäre Brüche bloßzulegen und mit blutiger Unbedingtheit zu bestrafen. Der Film scharwenzelt um Missbrauchs- und Inzest-Motive herum, dass es eine wahre Freude ist, und geißelt auf drollige Weise die moralische Verkommenheit der Honoratioren. Kein Mitleid mit denen. Dazu muss ein bisschen mehr nackte Haut her als früher. Und die vom Grafen unter Kontrolle gebrachten oder gebissenen Mädels scheinen mehr denn je einem expliziten Orgasmus entgegenzukeuchen. Kein verschämtes Vorschlagen des Capes mehr vor den Akt. Lee wirkt endgültig wie ein Sexmonster, muss aber ansonsten nicht viel an der Figur tun. Von den anderen Darstellern verlangt Taste the Blood … hingegen einiges, vor allem von dem fiesen Familienvorstand Geoffrey Keen, der mit seiner moralischen Rigorosität Frau und Tochter systematisch zugrunde richtet. Der Film ist in diesen Szenen handfestes viktorianisches Gesellschaftsdrama. 
Einige Unebenheiten sind einer früheren, womöglich besseren Drehbuchfassung zu verdanken, die noch durchschimmert. Lees Teilnahme war ursprünglich nicht geplant, und Hammers Wunderknabe Ralph Bates sollte als erschlagener Lord Courtley wieder auferstehen und die Rache selbst vollziehen. Der Übergang von Bates zu Lee verläuft dann auch etwas befremdlich, auch Draculas Rachedurst ist nicht ganz erklärlich. Am Ende kommt es zu einer annähernd psychedelischen Sequenz aus der Perspektive Draculas, als nämlich sein Stützpunkt, die verfallene Kirche, plötzlich wieder zu einem kompletten, aufgeräumten und vor allem gesegneten Gotteshaus wird und den Vampir unweigerlich umbringt. 
Taste the Blood of Dracula ist einer der hübschesten Dracula-Filme, echt sinister, und nimmt den viel schwächeren Dracula A.D. 1972 ebenso vorweg wie Hellraiser.