1975 taucht in einem Schweizer Bergdorf eine abgerissene, stumme junge Frau auf, die wie ein Wolfskind wirkt und die die Dorfbewohner unter Anleitung des Pfarrers als „Dämonin“ behandeln. Nur der wackere Dorfpolizist lässt sich vom Aberglauben nicht beeindrucken und erforscht die Herkunft der Fremden. In einem zweiten Strang wird geschildert, wie oben auf der Alm drei Bergbauern mehr so aus Spaß ein „Sennentuntschi“ herstellen – eine Strohpuppe in Frauengestalt, die durch einen Zauber real werden und den Sennern als Haushaltshilfe, aber auch als Sexmäuschen zu willen sein soll. Allerdings wird das Sennentuntschi sich laut Sage an seinen Schöpfern rächen, indem es ihnen die Haut abzieht und sie zu Puppen macht.
Eine österreichisch-schweizerische Co-Produktion, die wegen finanzieller Probleme lange Zeit auf der Kippe stand. Das Ergebnis ist manchmal zu effekthascherisch und kokettiert mit zu viel bollerndem Musikeinsatz (buh!), wurde leicht überladen mit Inhalten, gerät uneben in der Erzählweise. Und dennoch muss man den Balanceakt des Films bewundern, mit dem er knorrige alpine Sagenwelt und internationale Marktgängigkeit verknüpfen möchte. Er zeigt den Amis unmissverständlich, dass die Backwater-Geschichten des alten Europa immer noch um einiges bizarrer sind. Sennentuntschi weist zudem eine strenge phantastische Struktur auf (rationale Erklärung versus übersinnliches Geschehen), verschachtelt seine Stränge überraschend und irritierend intelligent, operiert mit großartigen Darstellern, symbolischen Bildern, genialen rauschhaften Sequenzen und unerwartet heftigen Unverblümtheiten. Roxane Mesquida als animalisches Frauwesen und Andrea Zogg als prollige Albtraum-Version des Alm-Öhi haben aufregend abstoßende Szenen zusammen, in denen sie auf Tuchfühlung gehen. Es sind vor allem die brutalen Passagen auf der Alm und die damit einhergehende Dynamik, die einem mitunter die Schuhe ausziehen, wohingegen die Passagen im Dorf und unter den abergläubischen Dörflern etwas altbacken daherkommen, indem sie uns wohlbekannte Lynchmob-Strukturen und die obligatorischen Leichen im Keller auftischen.
Dieses kleine Filmjuwel ist allemal einen Blick wert. Vor allem auch deshalb, weil unsere Brüder und Schwestern aus der alpinen Provinz den deutschen Großkotzen mal zeigen, wie man international wettbewerbsfähigen Horror mit Regionalbezug macht.
