Samstag, 28. Januar 2012

Jus primae noctis: "Die Normannen kommen" (The War Lord)

11. Jahrhundert. Der normannische Ritter Chrysagon de la Crou erhält ein Lehen an der Küste und soll die Gegend vor Einfällen der Friesen schützen, die auch den bisherigen Lehensträger ermordet haben. Kaum sind er und seine Leute im Wehrturm eingezogen, verliebt sich der einsame Ritter in ein Bauernmädchen, nimmt nach dessen Hochzeit das Recht der ersten Nacht in Anspruch und lässt die Braut danach nicht mehr gehen. Dies führt zu einer Revolte der heidnischen Dörfler, die sich mit den Friesen verbünden. Chrysagons Wehrturm wird belagert.
Diese Produktion von 1965 ist wahrscheinlich der erste Hollywood-Ritterfilm, der das Sujet ernst nimmt und nicht bloß auf Präraffaelismus und schreiendes Technicolor setzt. Okay, El Cid ging auch schon in die Richtung. Kulisse und Ausstattung, Lebensumstände, soziale Verhältnisse und Kampfszenen wirken authentisch. Bei der Belagerung kommen einige Dinge zum Einsatz, die wohl eher dem Drang nach Spektakel geschuldet sind als der tatsächlichen historischen Überlieferung, aber sei’s drum. Und natürlich kann Hollywood 1965 von Romantisierung nicht gänzlich lassen, aber die meisten der wunderschönen Tableaus, die förmlich „Mach Standbild, Mensch, und schau mich in Ruhe an!“ schreien, wirken durchweg robuster, düsterer und moderner als die Arrangements früherer Prachtschinken. 
Die Normannen kommen lässt sein stimmiges mittelalterliches Kontinuum eine ganze Reihe von Themen verhandeln. Christianisierung, Lehnsherrschaft, jus primae noctis, das Geiselthema, die Zwänge, unter denen verarmte Ritter stehen, Machtausübung und Willkür, Sozialstruktur, militärische Gewalt. Chrysagon ist im Grunde ein rechtschaffener Mann, so rechtschaffen, dass sein leichtlebiger Bruder ihn insgeheim verachtet und schließlich einen offenen Bruderzwist heraufbeschwört. Daran ist Chrysagon jedoch selbst schuld, denn er lässt sich von einer ziemlich spontanen Liebe, die vielleicht doch eher Lust ist, sowie von seiner Machtstellung verführen, sowohl das Recht seiner eigenen Welt (das jus primae noctis ist in seiner Kultur verpönt) wie auch das seiner Leibeigenen (die Regeln der Ersten Nacht müssen streng eingehalten werden) zu brechen. Es ist eine tragische Situation, dass der Rechtschaffene durch seine Emotionen zum Regelbruch getrieben wird und sich zu jeder Zeit der Folgen bewusst ist: Tod, Verheerung und Ächtung. Das regelhafte Kontinuum wird mächtig durchgeschüttelt, ob es rekonstruiert werden kann, lässt der Film offen.
Bemerkenswert ist die Abstammung des Drehbuchs von einem Theaterstück, was dem Film einen eigenartigen Rhythmus verpasst und ihn vor allem in der Mitte massiv dialogisch und kammerspielartig werden lässt. Da sind plötzlich Schauspieler gefragt, und es wundert wenig, dass Charlton Heston The War Lord zu seinen Lieblingsfilmen zählte. Hier darf er mal ein bisschen was zeigen. Im letzten Drittel gerät die konfliktauslösende Frauenfigur Bronwyn vollkommen aus dem Blick, denn nun geht’s um Action und sind die Männer gefragt. Ein wunderbares, handgemachtes Schlachtenspektakel spielt sich ab, in dem die Friesen fallen wie die Fliegen, aber dennoch immer weiter gegen den Wehrturm anrennen. Die Art und Weise, wie die Feinde sich am Ende versöhnen, kommt ein bisschen arg ehrenhaft daher, wird aber durch die soziale Ächtung der Hauptfiguren und den tragisch offenen Schluss mehr als kompensiert. 
Zu Anfang der DVD denkt man noch: „Herrje, dieses Remastering ging aber mächtig in die Hose!“ Nach kurzer Zeit aber verschwindet dieser mysteriöse körnige Grauschleier über den Bildern und Die Normannen kommen wird zum visuellen Prachtstück.